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Unser
Streifzug durch die Jahrtausende der Geschichte des Seitsattels endet hier:
Jane Austen hat 1818 in ihrem Werk "Überredungskunst"
treffend zu frauenspezifischen historischen Themen formuliert:
"Die Männer hatten uns gegenüber stets den Vorteil, ihre
Geschichte zu erzählen. Bildung wurde ihnen in viel höherem Ausmaß
zuteil, und der Federkiel lag in ihren Händen.".
Es ist aus diesen Gründen nicht einfach, zuverlässige Quellen zu finden.
In der Regel wurden nur
die Aktivitäten der herrschenden Schicht dokumentiert und spiegelten nur die Ansicht des Autors
wider, die nicht
mit dem allgemeinen Empfinden oder den Tatsachen übereinstimmen
musste. Das sollte bei der Einschätzung historischer Dokumente nicht
vergessen werden.
700 Jahre war der Seitsattel ein Statussymbol für Reichtum und
gesellschaftliche Stellung der Reiterin (Der Seitsattel - das Porsche
Cabrio der Vergangenheit?!).
Oft werden auf Bildern hochgestellte Damen im Seitsattel abgebildet,
ihre Begleiterinnen im Spreizsitz. Es schien über Jahrhunderte ein
Privileg zu sein, im Seitsattel zu reiten. Treffend bezeichnete Lida
Fleitman-Bloodgood den Seitsattel als "Sattel der
Königinnen".
Was für eine Veränderung in der Bewertung hat der Seitsattel im
Laufe seiner Geschichte erfahren!
- Im Mittelalter als fortschrittliche Neuerung gefeiert,
- in der Renaissance und im Barock als "Multifunktions-Sattel"
für Spreiz- und Seitsitz
eine Alltäglichkeit,
- im 19. Jahrhundert das Kennzeichen einer "Dame" und
- im frühen 20. Jahrhundert ein Symbol für die Diskriminierung der Frau!
Vom Statussymbol zum Marterinstrument!
Es ist eine Ironie am Rande, wie die tatsächliche technische
Brauchbarkeit des Sattels der Bewertung entgegenläuft.
Erst nachdem, für eine verhältnismäßig kurze Zeit, ein
gesellschaftlicher Zwang zur Benutzung des Seitsattel erfolgte, wurde er
von den Frauen abgelehnt und aufgegeben.
Technische, oder vorgeschobene sicherheitstechnische Argumente sind bei
unvoreingenommener Betrachtung nicht stichhaltig. 1000
Jahre lang, vom 9. bis zum frühen 19. Jahrhundert benutzten Frauen den
damals wirklich noch unsicheren Seitsattel aus praktischen Gründen. Sie
nahmen freiwillig die Nachteile in Kauf, weil für sie die Vorteile
überwogen.. Als
der Sattel wirklich sicher war, kommt das "Aus" wegen
sicherheitstechnischer Gründe? Nicht wirklich überzeugend! Widerwille
gegen gesellschaftliches Diktat ist viel wahrscheinlicher.
Es ist bedauerlich aber verständlich, dass die Bewertung des
Reitens im Seitsitz kritiklos aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert
übernommen wurde. Überwiegend stammen die verfügbaren Primärquellen
über das Reiten im Seitsattel aus dem 19. Jahrhundert und
entsprechen dem damaligen Zeitgeist. Die Vorurteile der prüden
"viktorianischen Ära" spiegeln das verzerrte Frauenbild
jener Zeit wieder. Damen wurde einfach nichts zugetraut, sie wurden
entwertet, nicht nur was ihre Reitkünste anbelangte.
Das Lesen der Dokumente über die Reiterei der Frauen, geschrieben von männlichen Autoren des 19. Jahrhunderts,
erinnert fatal an die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, als
es höhnisch hieß: Frau am Steuer! Sogar Aufkleber mit diesem Slogan
wurden verkauft! Sie sollten die Toleranz der Autofahrer gegenüber den
Autofahrerinnen erhöhen. Die Statistiken jener Zeit
belegen aber eindeutig, die Autofahrerinnen waren damals prozentual
nicht häufiger an Unfällen beteiligt und verursachten auch nicht mehr
Unfälle als die männlichen Fahrer.
Eine eindeutige Parallele - im 19. Jahrhundert brachen die Frauen
in die männliche Domäne der Jagdreiterei ein, im 20. Jahrhundert in
die männliche Domäne des Autofahrens. Die Reaktionen darauf waren
nahezu identisch - im 19. Jahrhundert nur subtiler und höflicher
formuliert.
Reitbuch-Autorinnen des 19. Jahrhunderts halten sich in der Regel
nicht mit seitenlangem Geschwafel über die angeblichen Schwächen und
Einschränkungen der Frau zu Pferde auf. Über die
herausragenden Eigenschaften die ein Kavalier hat, verlieren sie kaum Worte.
Nach unseren Erfahrungen kann das ganze Brimborium wie unsicher
der Sattel, wie hilflos die Reiterin im Seitsattel ist, getrost
vergessen werden, wenn Jagdhorn, Sicherheitssteigbügel und Balancegurt
vorhanden sind. Die heute üblichen Sicherheitsvorkehrungen sind nach
unserer Bewertung absolut ausreichend. Reiterinnen der Vergangenheit
handhabten es in der Realität auch nicht anders - zumindest deutet
alles darauf hin. Na ja, wenn ein reicher Ehemann dabei
heraussprang, mimte die junge Dame der Vergangenheit schon mal etwas
Hilflosigkeit.
Wir finden es schade, eine so alte, traditionsreiche, technisch
anspruchsvolle und elegante Reitweise aussterben zu lassen, zumal keine
objektiv stichhaltigen Argumente gegen den modernen Seitsattel sprechen.
Wollen
wir diese Reitweise erhalten, dann müssen wir die alten Vorurteile
vergessen und uns auf das REITEN konzentrieren..
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