Entwicklung und Technik des Seitsattelreitens über die Jahrhunderte 


Im Seitsitz ins nächste Jahrtausend.
Niemand weiß, was die Zukunft bringt, aber es gibt die berechtigte Hoffnung, das Wissen und Können dieser anspruchsvollen und eleganten Reittechnik zu bewahren und weiter zu entwickeln. 
21. Jahrhundert

Nach fast 70  Jahren "Pause" wurde ein neues Seitsattelmodell entworfen, der Steele - Sattel. (Zu besichtigten bei Hundred Oaks Inc.)

Im März 2000 fand im Rahmen der Hansepferd zum ersten Mal wieder ein offizielles Turnier im Damensattel statt - mit immerhin 12 Teilnehmerinnen. Seit dem wird das  Hamburger Damensattel-Turnier regelmäßig mit wachsenden Teilnehmerzahlen in Hamburg-Curslack ausgerichtet.

 

Unser Streifzug durch die Jahrtausende der Geschichte des Seitsattels endet hier
Jane Austen hat 1818 in ihrem Werk "Überredungskunst" treffend zu frauenspezifischen historischen Themen formuliert: 
"Die Männer hatten uns gegenüber stets den Vorteil, ihre Geschichte zu erzählen. Bildung wurde ihnen in viel höherem Ausmaß zuteil, und der Federkiel lag in ihren Händen.
". 


Es ist aus diesen Gründen nicht einfach, zuverlässige Quellen zu finden.

In der Regel wurden nur die Aktivitäten der herrschenden Schicht dokumentiert und spiegelten nur die Ansicht des Autors wider, die nicht mit dem  allgemeinen Empfinden oder den Tatsachen übereinstimmen musste. Das sollte bei der Einschätzung historischer Dokumente nicht vergessen werden.

700 Jahre war der Seitsattel ein Statussymbol für Reichtum und gesellschaftliche Stellung der Reiterin (Der Seitsattel - das Porsche Cabrio der Vergangenheit?!). Oft werden auf Bildern hochgestellte Damen im Seitsattel abgebildet, ihre Begleiterinnen im Spreizsitz. Es schien über Jahrhunderte ein Privileg zu sein, im Seitsattel zu reiten. Treffend bezeichnete Lida Fleitman-Bloodgood den Seitsattel als "Sattel der Königinnen".

W
as für eine Veränderung in der Bewertung hat der Seitsattel im Laufe seiner Geschichte erfahren! 
- Im Mittelalter als fortschrittliche Neuerung gefeiert, 
- in der Renaissance und im Barock als "Multifunktions-Sattel" für Spreiz- und Seitsitz 
  eine Alltäglichkeit, 
- im 19. Jahrhundert das Kennzeichen einer "Dame" und 
- im frühen 20. Jahrhundert ein Symbol für die Diskriminierung der Frau!
Vom Statussymbol zum Marterinstrument!
Es ist eine Ironie am Rande, wie die tatsächliche technische Brauchbarkeit des Sattels der Bewertung entgegenläuft.

Erst nachdem, für eine verhältnismäßig kurze Zeit, ein gesellschaftlicher Zwang zur Benutzung des Seitsattel erfolgte, wurde er von den Frauen abgelehnt und aufgegeben.

Technische, oder vorgeschobene sicherheitstechnische Argumente sind bei unvoreingenommener Betrachtung nicht stichhaltig. 1000 Jahre lang, vom 9. bis zum frühen 19. Jahrhundert benutzten Frauen den damals wirklich noch unsicheren Seitsattel aus praktischen Gründen. Sie nahmen freiwillig die Nachteile in Kauf, weil für sie die Vorteile überwogen.. Als der Sattel wirklich sicher war, kommt das "Aus" wegen sicherheitstechnischer Gründe? Nicht wirklich überzeugend! Widerwille gegen gesellschaftliches Diktat ist viel wahrscheinlicher.     

Es ist bedauerlich aber verständlich, dass die Bewertung des Reitens im Seitsitz kritiklos aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert übernommen wurde. Überwiegend stammen die verfügbaren Primärquellen über das Reiten im Seitsattel aus dem 19. Jahrhundert und entsprechen dem damaligen Zeitgeist. Die Vorurteile der prüden "viktorianischen  Ära" spiegeln das verzerrte Frauenbild jener Zeit wieder. Damen wurde einfach nichts zugetraut, sie wurden entwertet, nicht nur was ihre Reitkünste anbelangte. 

Das Lesen der Dokumente über die Reiterei der Frauen, geschrieben von männlichen Autoren des 19. Jahrhunderts, erinnert fatal an die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, als es höhnisch hieß: Frau am Steuer! Sogar Aufkleber mit diesem Slogan wurden verkauft! Sie sollten die Toleranz der Autofahrer gegenüber den Autofahrerinnen erhöhen. Die Statistiken jener Zeit belegen aber eindeutig, die Autofahrerinnen waren damals prozentual nicht häufiger an Unfällen beteiligt und verursachten auch nicht mehr Unfälle als die männlichen Fahrer.

Eine eindeutige Parallele - im 19. Jahrhundert brachen die Frauen in die männliche Domäne der Jagdreiterei ein, im 20. Jahrhundert in die männliche Domäne des Autofahrens. Die Reaktionen darauf waren nahezu identisch - im 19. Jahrhundert nur subtiler und höflicher formuliert. 

Reitbuch-Autorinnen des 19. Jahrhunderts halten sich in der Regel nicht mit seitenlangem Geschwafel über die angeblichen Schwächen und Einschränkungen der Frau zu Pferde auf. Über die herausragenden Eigenschaften die ein Kavalier hat, verlieren sie  kaum Worte.

Nach unseren Erfahrungen kann das ganze Brimborium wie unsicher der Sattel, wie hilflos die Reiterin im Seitsattel ist, getrost vergessen werden, wenn Jagdhorn, Sicherheitssteigbügel und Balancegurt vorhanden sind. Die heute üblichen Sicherheitsvorkehrungen sind nach unserer Bewertung absolut ausreichend. Reiterinnen der Vergangenheit handhabten es in der Realität auch nicht anders - zumindest deutet alles darauf hin.  Na ja, wenn ein reicher Ehemann dabei heraussprang, mimte die junge Dame der Vergangenheit schon mal etwas Hilflosigkeit.

Wir finden es schade, eine so alte, traditionsreiche, technisch anspruchsvolle und elegante Reitweise aussterben zu lassen, zumal keine objektiv stichhaltigen Argumente gegen den modernen Seitsattel sprechen. Wollen wir diese Reitweise erhalten, dann müssen wir die alten Vorurteile vergessen und uns auf das REITEN konzentrieren..