Warum wurde im Seitsitz oder Quersitz geritten? Wie kam man
überhaupt auf diese "abwegige" Idee? Vielleicht
ist einer der ursprünglichen Gründe die Unverträglichkeit des menschlichen Steißbeins mit der
equinen Wirbelsäule - wie jeder Reiter , der jemals ein ungesatteltes
Pferd, Muli oder Esel ritt, bestätigen kann. Der Quersitz auf dem
ungesatteltem Pferd ist ein Entlastungs- und Entspannungssitz. Das
gleiche gilt für einen unergonomischen Sattel, wie er in der
Frühzeit des Reitens oft die Regel war.
Später entstand das Modediktat,
da es einfach eleganter aussah im Seitsattel zu reiten.
|
|
|
Je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht, desto
schwieriger wird die Informationssuche. Reitlehren von der Antike bis
zur Spätrenaissance haben einen eindeutig militärischen Charakter.
Garsault, der erste bekannte Reitmeister, der sich intensiv mit dem
Reiten der Damen beschäftigte, lebte im frühen 18. Jahrhundert. Davor
ist man auf mündliche Überlieferungen, Statuen, Illuminationen,
Gemälde und Stiche, Korrespondenz, Biographien, Chronisten,
Rechnungsbücher u.s.w. angewiesen. Ein Informationspuzzle, welches
zudem im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext gesehen werden muss.
Über die Reiterei wurde vor der Renaissance nur in zwei Szenarien
geschrieben: Der Jagd und dem Krieg.
Die Natur der Quellen (Jagd/Militär) täuscht in diesen Seiten zum Teil eine feministische Tendenz vor.
Dies ist darin begründet, dass ausführlich nur über
ungewöhnliche Frauen berichtet wurde, die ihre Spuren in
der Geschichte hinterlassen haben. Die unbedeutende Hofdame oder
Kaufmannsfrau, auch wenn sie eine brilliante Reiterin war, ist kein Stoff aus dem
Chroniken oder Vitae erstellt werden.
Also, feministische Tendenzen sind nicht beabsichtigt! Es erscheint uns
unsinnig im Zusammenhang mit dem Seitsattel eine Ideologie durch eine
andere, entgegengesetzte zu ersetzen.
|
|
|
|
Über uns
Wir sind eine Gruppe
von Reiterinnen aus Hamburg die sich der traditionsreichen Reitweise des
Seitsitzes verschrieben haben.
Unser Ziel ist es, das Reiten im
"Damensattel" zu entstauben, von Vorurteilen zu befreien und
wieder als selbstverständliche, alternative Reitweise zu etablieren.
Auf dieser Website mit Kursen und Vorträgen wollen wir allen Interessentinnen unser Wissen,
welches wir im Laufe der Jahre zusammengetragen haben, zur Verfügung
stellen, um ihnen den Einstieg zu erleichtern.
Wir haben das Glück von
einer Reitlehrerin (FN) unterrichtet zu werden, die nicht nur den Sattel, sondern auch das
technische Wissen einer original "Damensattelreiterin" übernehmen konnte.
Wenn wir diese Reitweise erhalten wollen, dann muss sie mit neuem Leben
erfüllt werden und darf nicht auf der Stufe einer Schau-Einlage stehen
bleiben.
Einleitung
Es war mühsam, die nötigen Informationen zu finden und
sich die Inhalte neu zu erarbeiten. Je mehr Quellen wir
erschlossen, desto klarer wurde, dass sie nicht vom Reiten der Frauen
der Vergangenheit handeln, sondern vom Reiten der Damen.
Die Primär-Quellen gaben bis zum
19. Jahrhundert praktisch nur Informationen über Adlige. Erst nach der
französischen Revolution entdeckte das Bürgertum im großen
Maßstab das Reiten für sich.
Die
früheren Autoren/Innen hielten selten in ihren Büchern fest, was (für sie)
selbstverständlich war. Wie sollten wir die alten
Schriften des 19. und 20. Jahrhunderts einschätzen und interpretieren?
Sie widersprachen unseren
eigenen Erfahrungen zum Teil in krasser Weise. Vom unmöglichen
Damensattel mit schrecklichen Hörnern war da die Rede, oder davon, dass
nur sehr brave Pferde im Damensattel geritten werden durften und
ja nicht ohne (männliche) Begleitung weil der Sattel so unsicher sei
und die Reiterin hilflos!
Unmöglich? Schrecklich? Brave Pferde?
Unsicher? Hilflos? Wir dagegen finden den Sattel bequem und sicher,
fühlen uns überhaupt nicht hilflos. Zur Korrektur mancher Unart stufen
wir den Seitsattel sogar als geeigneter ein als unsere normalen
Sättel! Woher kommt die Diskrepanz? Sind wir leichtsinnig?
So
haben wir zusätzlich zu den Schriften alte Gemälde, Drucke und Stiche
herangezogen. An die 5800 Bilder haben wir ausgewertet. Diese zeigten in der Regel ein ganz anderes Bild als die
Schriften. Selbstbewusste Amazonen sah man dort, die im
"Damensattel" Leistungen erbrachten, bei denen die meisten
heutigen Reiterinnen vor Neid erblassen. Sicherlich wurde auch
geschönt, dies ist uns bewusst. Doch sollte nicht vergessen werden das
Springreiten, das Jagdreiten, Querfeldeinrennen und Military sind
Sportarten, die von Frauen ursprünglich im Damensattel ausgeübt
wurden. Und diese Tatsache ist klar und eindeutig dokumentiert.
Sehr schnell wurde auch klar, die
strikte Trennung - Reiten im Seitsitz für Frauen/Reiten im Spreizsitz
für Männer - kann nicht aufrecht erhalten werden. Bis zum 19. Jahrhundert
ritten Frauen in beiden Reitweisen. Der "Herrensitz" für Frauen ist keine Erfindung des 20.
Jahrhunderts!
In einem Jahrzehnte dauernden, unkontrollierten,
quellenfernen Abschreibeprozess haben sich die negativen Aspekte der
Reitweise bis zur
Absurdität gesteigert. Der Sattel hat sich zudem technisch im Laufe der Zeit massiv
verändert.
Die Ideologie, die an dem Seitsattel festgemacht wurde, ist
ein interessantes Zeugnis des jeweiligen Zeitgeistes (besonders des 19.
und frühen 20. Jahrhunderts), wir dürfen ihre
Aussagen jedoch nicht unkritisch akzeptieren.
Umstellung
"Ich habe die Erfahrung
gemacht, dass die Umstellung für die Reiterin nicht schwer ist. Anfangs
war ich der Meinung, das Reiten im Damensattel sei eine sehr große
Umstellung, aber wenn man schon ein bisschen Gefühl für die Bewegung
des Pferdes hat, gewöhnt man sich schnell um. Auch für das Pferd ist es
bei weitem nicht so schwierig, sich auf die neuen Verhältnisse
einzustellen. Die Hilfengebung ist fast genauso wie die beim Reiten im
Herrensattel, einziger Unterschied ist die Ersetzung des rechten
Schenkels durch die Gerte. Wenn eine Reiterin am Beginn ihrer Reiterei
eventuell sogar mal voltigiert hat, wird es ihr noch leichter fallen."
(Gabriela Huber, Pferdewirtschaftsmeisterin
FN Reiten)
|