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Selten
ist ein Sportgerät so mit Vorurteilen behaftet wie der Seitsattel.
Irgendwie geriet der Sattel im 19. und frühen 20. Jahrhundert in das
Kreuzfeuer der Frauenrechtsbewegungen und in Folge verschwand die
Reitweise in dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts . Was ist an den Vorurteilen mit
denen der Damensattel seitdem behaftet ist, wirklich dran? Die
gesellschaftlichen Aspekte lassen sich heute kaum noch nachempfinden,
unser Wertesystem ist zu unterschiedlich. Rein technisch dagegen schadet
es nichts, wenn wir den Sattel aus heutiger Sicht beurteilen.
Einige uns oft gestellte Fragen sollen hier beantwortet werden.
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1.)
"Ist der Damensattel nicht unsicher und gefährlich - besonders im
Galopp?" |
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Ein moderner Seitsattel ist
so sicher wie ein Herrensattel. Durch das begrenzende Jagdhorn muss eine Reiterin
sich schon große Mühe geben um abgeworfen zu werden oder aus dem Sattel
zu fallen. Die einzige Gefahr besteht in der Sicherheit des Sattels: Es
ist schwieriger sich schnell vom Pferd zu lösen, wenn dieses sich rückwärts
überschlägt.
Beim Springen im normalen Höhenbereich sitzt die Reiterin im Seitsattel
nicht unsicherer wie im normalen Springsattel.
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Nicht zu empfehlen sind dagegen alte oder nachgebaute Damensättel ohne
Jagdhorn, die teilweise als Gabelsattel, Pleasure-saddle oder Plantagensattel
angeboten werden. Diese Sättel entsprechen nicht dem modernen
Sicherheitsstandard. Zum Springen sind sie gänzlich ungeeignet. Die
Negativpublicity geht zu einem großen Teil auf diese, oder noch ältere
Sättel zurück.
Bezüglich
des Galopps: als Passgänger und Tölter aus der Mode gekommen waren,
vermieden die Reiterinnen der Vergangenheit gern den Trab. Galopp und
Kanter empfanden sie als sicherer und angenehmer.
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2.)
"Stimmt es,
das
nur sehr brave Pferde im Damensattel
geritten wurden, da die Reiterin ihrem Pferd hilflos ausgeliefert ist?"
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Hilfe
beim Reiten und ein lammfrommes Pferd brauchten die Frauen der
Vergangenheit nur, wenn sie ungeübte Reiterinnen oder durch Schnürkorsetts so eingeschnürt waren, dass sie nicht mal
vernünftig Luft holen konnten, geschweige denn sich reaktionsschnell
bewegen. Das Problem war definitiv nicht der Sattel, sofern es sich
nicht um einen Gabelsattel ohne Jagdhorn handelte. Selbst in jenen
alten, sicherheitstechnisch unzureichenden Sätteln ritten geübte
Reiterinnen Parforcejagden, die Hohe Schule - sogar die Lektionen über der Erde. Dies
setzt aber eine perfekte Beherrschung des Pferdes voraus. Zu
bedenken ist auch, dass die Gebisse der Vergangenheit oft eine brutale
Einwirkung hatten, eine erfahrene Reiterin also kaum hilflos sein
konnte.
Es wird auch heute noch gefordert, dass ein Damenpferd nervenstark und
korrekt ausgebildet sein soll. Denn, wenn man eine neue Reitweise
erlernt, sollte man sich darauf konzentrieren und nicht irgendwelche
Unarten korrigieren müssen.
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Wird nur die Technik berücksichtigt, haben die modernen Seitsättel
(mit Jagdhorn!) sogar gewisse Vorteile bei der Beherrschung eines widersetzlichen Pferdes. Einem
buckelnden Pferd ist im Seitsattel zum Beispiel wesentlich besser beizukommen.
Instinktiv schließen viele Reiter/innen beim Buckeln die Schenkel. Sie
"klemmen" statt vorwärts zu treiben und verlieren damit meist den
Kontakt mit dem Sattel und dadurch zusätzlich die
Gewichtshilfe.
Dies wird vom Pferd als verhaltende Hilfe interpretiert und animiert es
zu weiteren Widersätzlichkeiten. "Klemmt" eine Reiterin im
Seitsattel, so drückt sie sich automatisch fester in den Sattel,
verliert somit die Gewichtshilfe nicht. Der linke Schenkel treibt
automatisch, da der rechte Schenkel als Widerlager fehlt, ein Ausweichen des Pferdes nach
rechts wird mit der Gerte abgefangen, was die Vorwärtsbewegung noch
verstärkt.
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3.)
"Seit dem Mittelalter wurden die Pferde der im Seitsitz
reitenden Frauen geführt, sollte ich das auch so machen?" |
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Bilder aus dem Mittelalter von Frauen, deren Pferde geführt wurden, haben wir in unserer Sammlung ,
die sehr umfangreich ist, nicht. Einzige Ausnahme sind Mariendarstellungen. Wir haben auch noch keine
Primärquelle,
außer den Mariendarstellungen,
gefunden, wo das Führen eindeutig belegt ist. Wer eine kennt - für Hinweise
sind wir dankbar.
Die Quelle dieser weitverbreiteten Annahme ist Jules Pellier (Le Selle et le Costume
d'Amazone 1897). Es handelt sich wohl um eine
Fehlinterpretation des
mittelalterlichen Verhaltenskodex. Im Mittelalter war das Ergreifen der
Zügel eine höfliche (Willkommens-)Geste gegenüber einer Dame zu
Pferde. Pelliers einziger Bildnachweis ist ein Bild von Aubry, wo eine Dame
geführt wird. Aubry ist jedoch ein Künstler, der im 18. und 19.
Jahrhundert lebte. Die Darstellung ist somit nicht mittelalterlich.
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Pferde,
die unter dem Quersattel gingen, wurden auf andere
Hilfen trainiert als unsere Pferde. Frauen, die im Quersitz ritten, nahmen ohne Führung an
allen reiterlichen Aktivitäten teil.
Es ist aber durchaus anzunehmen,
dass
unerfahrene Reiterinnen, genau wie heute noch, geführt wurden. Aus dem
19. Jahrhundert ist bekannt, dass Pferde unerfahrener Reiterinnen im
Gelände am Führzügel als Handpferde mitgeführt wurden. Dies entsprach jedoch nicht der Praxis erfahrener Reiterinnen.
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4.)
"Die Frauen wurden doch gegen ihren Willen gezwungen im Damensattel
zu reiten, es galt als unschicklich im Spreizsitz zu reiten. Warum sollte
man diese Reitweise wieder aufleben lassen?" |
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Die o.g.
Vorstellungen geistern immer noch in den Köpfen herum. Es gab aber nur einen relativ kurzen Zeitraum im 19. und 20.
Jahrhundert für den diese Aussage einen gewissen Wahrheitsgehalt hat.
Der Begriff "Schicklichkeit"
bezog sich damals auf das fein abgestimmte, akzeptable Verhalten
innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Schichten - auf soziale
Abgrenzung. Was für eine "höhere Tochter" schicklich
war, schickte sich durchaus nicht für ein Kind aus dem Kleinbürgertum
oder der Arbeiterschicht - und umgekehrt.
Es gibt aus dem
fraglichen Zeitraum genug Dokumente, die zeigen, wie junge
"Damen" im Seitsitz ritten, junge "Mädchen" dagegen
im Spreizsitz.
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Es existierte durchaus eine gesellschaftlich akzeptierte Reitkleidung
- die Rockhose - für
Reiterinnen, die im Spreizsitz reiten wollten.
Das
Reiten im Seitsattel kann auf eine jahrtausendelange Tradition zurückblicken - die Frauen
früherer Jahrhunderte wählten je nach praktischem Anlass
zwischen Seitsitz und Spreizsitz - wenn sie sich überhaupt einen
Seitsattel leisten konnten. Es ist schade wenn
diese Reitweise aufgrund von Vorurteilen verloren geht, zumal unsere
sozialen Abgrenzungen sich heute anders ausdrücken.
Auch die Nostalgie ist ein Argument für die Erhaltung dieser Reitweise.
Springreiten, Military und Querfeldeinrennen in unserem Sinne
entwickelten sich im 19. Jahrhundert. Diese Sportarten wurden von Frauen
ursprünglich im Seitsattel ausgeübt.
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5.)
"Warum ritten Frauen überhaupt im Quersitz, das war doch
unpraktisch und unsicher?" |
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Der Quersattel und später Seitsattel wurde ursprünglich aus praktischen Gründen
verwendet:
1.)
Es ist auch wesentlich praktischer und bequemer auf dem Pferd zu
reiten,
als in einem (ungefedertem) Wagen zu sitzen. Wer das nicht glaubt, sollte
einmal hinten in einer Ponykutsche sitzend über Feldwege fahren.
Nach
Ende des römischen Reiches verfiel das europäische Straßennetz. Bis
in die Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Flüsse die Verkehrsadern
des Handels. Karren und Kutschen wurden überwiegend in den Ortschaften
benutzt, über Land waren Saumtierkarawanen schneller und
unproblematischer. Ein neues Straßennetz wurde erst wieder im 18. und 19. Jahrhundert ausgebaut.
2.)
Lange, schwere
Kleidung kann besser im Quersitz und Seitsitz als im Spreizsitz geschont
und gehandhabt werden,
besonders wenn sie empfindlich ist. Das sollte man sich verinnerlichen:
Kleidung war in früheren Zeiten kostbar, wurde geschont, aufgetragen
oder vererbt.
3.)
Auch bei fortgeschrittener Schwangerschaft wird ein
Seitsattel oft angenehmer gefunden.
4.)
Zu
bedenken ist auch, dass die Pferde im Mittelalter und der Renaissance eine ganz andere
Gangmechanik besaßen als unsere Pferde. Paßgang, "Tralopp"
und Tölt sind fast
erschütterungsfrei und damit auch im Quersitz gut auszusitzen. Der
Quersattel war insgesamt auch bequemer als die meisten
"normalen" Sättel der damaligen Zeit.
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6.)
"Sind auch Männer im Damensattel geritten?" |
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Ganz bewusst wird in
diesen Seiten das Wort Damensattel vermieden und durch die technisch
korrekteren Termini Quersattel, Seitensattel, Gabelsattel, Hakensattel und Seitsattel ersetzt. Nicht nur der Klerus (lange Soutanen!) verwendete den Seitsattel,
sondern auch bei älteren Herren mit Hüftleiden war er beliebt.
Angeblich soll sogar ein passionierter Reiter das Jagdhorn erfunden
haben - für den Eigengebrauch.
Noch heute wird der Seitsattel
erfolgreich bei Behinderungen eingesetzt.
Früher bildeten
männliche Berufsreiter die Pferde für den Seitsattel aus.
Der Quersitz ist nicht auf unseren Kulturkreis beschränkt: Im Orient
und im Mittelmeer-Raum ist er bei Männern noch heute weit
verbreitet: Wenn man sich an den letzten Nordafrika-Urlaub erinnert,
da trabten reihenweise Eselchen an einem vorbei die einen seitlich sitzenden
Mann trugen. In
Nordafrika werden die Esel sogar ohne Zügel geritten und nur mit einem
Stöckchen gelenkt.
Zitat Rita Mae Brown:
"If
the world were a logical place, MAN would ride sidesaddle"
.
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7.)
"Ist es nicht ungesund im Damensattel zu reiten?" |
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Diese
Vorstellung stammt aus dem 19. Jahrhundert. Alle waren sich einig, es
sei gesund für die bewegungsarmen Damen, zu reiten.
Einige glaubten jedoch, der Seitsattel sei ungesund, andere meinten der Herrensattel sei
ungesund (für Frauen). Was damals wirklich ungesund war, war das Schnürkorsett.
Wer
korrekt in der Mittelpositur sitzt und sich nicht verbiegt, belastet im
Seitsattel seine Wirbelsäule nicht mehr als im Herrensattel. Schlechter
Sitz ist aber für das Pferd wesentlich ungesünder als für den Reiter
- bei jedem Satteltyp.
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8.)
"Wo bekomme ich einen Sattel her?" |
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Gute
Frage! Nächste Frage? Die Anbieter, die wir gefunden haben, stehen in
unserer Linkliste. Ab und zu hören wir auch mal von einem zum Kauf
stehenden Sattel. Einfach eine Mail schicken, oder einen Eintrag ins
Pinboard machen.
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9.)
"Kann ich von Anfang an im Seitsattel das Reiten erlernen?"
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Antwort
von Radio Eriwan: Im Prinzip ja! Aber... das
Reiten im Spreizsitz ist heutzutage Grundlage und Standard, und zuerst
beherrscht man am besten die Grundlagen... Also: Anfänger
sollten erst im "Herrensitz" reiten lernen, sofern nicht
gewichtige Gründe dagegensprechen.
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